…da hing dieses aufgespannte Banner. Am Bauzaun, vor einer Kirche. Ein Bekannter hat es aus dem Bus heraus fotografiert. Wir waren auf dem Weg zur Jahrestagung der AAR – der American Academy of Religion, in Boston. Diese Tagung ist so bunt und wirr, so vielfältig und schön, so ermüdend und überfrachtend zugleich. Nach nur 48 Stunden erleide ich meist einen Konferenz-Burn-Out und ahne jedes Mal bereits dann, dass ein Hang-Over, gepaart mit einem ordentlich Jet Lag den heimischen Alltag erst einmal mühsam machen wird. Self fulfilling prophecy! Die USA machen in diesen Tagen nicht gerade gute Schlagzeilen. Alles wird trumpinisiert. Pfui. Wir wollen nichts mehr mit diesem Land zu tun haben. Und doch möchte ich hier ein Länzchen brechen. Nicht für das Land, nicht für Trump, sondern für eine Wissenschafts- und Tagungskultur, die sich so eindrücklich von derjenigen, die ich hierzulande oft erleben darf/muss, unterscheidet. Auf dieser Wahnsinnstagung, an der jährlich circa 10.000 Menschen aus der ganzen Welt und mit so ziemlich allen auch nur annährungsweise denkbaren Weltanschauungen und religiösen Hintergründen teilnehmen, ist nämlich nicht so klar, dass die Jungen die Ahnungslosen und zu Belehrenden und die Alten die Weisen und Ahnungsvollen sind. Dass es in den USA durchaus üblich ist, auch noch im fortgeschrittenen Alter ein Studium oder eine Promotion zu beginnen, sprengt Kategorien von Alt und Jung.

 

60-jähriger Promotionsstudent trifft 30-järigen Professorin 

 

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, der erste Beruf schon längst nicht mehr interessant ist, dann wird nochmal von Neuem angefangen. Studiert. Promoviert. Warum nicht? Und dann gibt es die jungen Shooting Stars, die halt mit Anfang 30 schon Prof sind und auf den Panels und Podien sitzen (jung, alt, schwarz, weiß, afrikanisch, asiatisch, multiethnisch, egal!). Das ist erfrischend. Die Namensschilder weisen keine Titel auf. Auch das ist für die theologische Wissenschaftskultur in Deutschland ungewöhnlich. Wir beschnüffeln doch gerne nur die auf Augenhöhe – und bleiben gepflegt unter uns (vergleichbarer Abschluss, vergleichbare Sozialisation, vergleichbares Einkommen, vergleichbare Wohnsituation, vergleichbares Alter, vergleichbares Geschlecht, vergleichbare Bürogröße, vergleichbare Anzahl an Mitarbeitenden und Hilfskräften, vergleichbare Höhe an Drittmitteln, vergleichbare Anzahl an Publikationen – was, keine eigene Sekretärin? Also bitte!).

 

Fächer entgrenzen

 

Positiv finde ich auch, dass auf der AAR Fächergrenzen verflüssigt sind. Wer arbeitet noch gleich praktisch und wer systematisch? Hier gibt es nicht dieses „Schuster bleib bei Deinen Leisten“-Denken; es gibt so etwas wie systematisch-praktisch-pastoral-ethische Panels, in denen auch die Dogmatikerin mal ihre empirischen Forschungsergebnisse vorstellen darf und nicht gleich verdammt wird, in der der Ethiker einen Ausflug in die Dogmengeschichte wagt und die Pastoraltheologin in die Ethik. Und eines wird deutlich: Das theologische Spiel macht mehr Spaß, wenn man die anderen mitspielen lässt. Synergien werden deutlich und Sprachspiele treten in den Hintergrund – egal ob konfessionelle, fächerbestimmende oder sonstige.

 

Die Breite des Faches

 

Angesichts solcher Erfahrungen mutet es dann eher befremdlich oder gar kleinlich an, wenn Theolog*innen in Deutschland – sehr gerne im Zusammenhang von Lehrstuhlbesetzungen – davon sprechen, dass es ganz wichtig sei, dass die Kandidat*in die „Breite des Faches“ vertreten kann. Aha, denke ich dann immer. Was ist denn die Breite des Faches? Und wer definiert sie? Wer die Zukunft der Theologie eher als Resonanzraum von Pluralitätserfahrungen und interdisziplinären Debatten sieht, der oder die würde die Breite des Faches (welches Faches nochmal? Theologie? Systematik? Fundamentaltheologie?) sicherlich anders beschreiben als jene, die sich auf die Zukunft der Theologie als „materialdogmatisch“ definieren würden. Und oftmals pochen dann gerade diejenigen auf die Breite des Faches, die ganz im binnendeutschen, katholischen Diskurs einer bestimmten Epoche beheimatet sind. Exkurs beendet 

 

Sauerkraut, Manels, Casting-Shows

 

Klar ist auch in Sachen AAR nicht alles rosarot. Auch hier verlaufen sich die Besserwessis, die schlecht Vorbereiteten, die Vortragsrecyler*innen, die Welterklärer*innen und die, die Tagungen als Casting-Shows missbrauchen und sogar die, die eigentlich nur German Sauerkraut in Bosten essen wollen. Es gibt Manels (all men panels), die nur weiße Männer 50+ shooten. Aber es gibt eben auch die anderen Erfahrungen, meines Erachtens überwiegen sie. Die AAR ist ein Plädoyer dafür, dass wir die Schubladen gar nicht erst öffnen sollten, um andere hineinzustecken.

 

Foto: Knut Wormstädt

 

 

 

 

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