In der Mittagspause will ich noch eben schnell (1. Fehler) zur Post radeln (2. Fehler, hier schneit es bereits), um ein Paket abzugeben. Mich trifft der Schlag: 16 Leute in der Schlange vor mir, zwei von vier Schaltern sind besetzt. Na toll. Kurze Zeit später kommt ein etwa gleichaltriges Pärchen und stellt sich in die Schlage hinter mir. Er: so‘n richtiger harter Typ (davon gibt’s hier viele), wenn ihr wisst, was ich meine. Schwups kommt auch schon der Nächste, holt sich eine Packung DIN-A4 Umschläge aus dem Regal und läuft schnurstracks an der Schlage vorbei vor zum Schalter. Da rastet besagter Schlangensteher hinter mir aus. So etwas könne er nicht ab. Dem würde er gleich die Fr*** polieren, so ein ***. Seine Begleitung versucht ihr Bestes, ihn zu beruhigen, es funktioniert. Einigermaßen.

 

 wie der guckt

Das Fluchen hört nicht auf. Wer der wohl glaubt, wer er sei, wie der schon guckt, und und und. Obwohl ich behaupten würde, dass meine Kompensationsstrategien hinsichtlich des Ärgers über die Warteschlange in diesem Moment etwas effizienter wirken, so verbindet mich doch etwas mit der Person hinter mir. Mich regt es auch auf, wenn Menschen sich vordrängeln und auch, wenn ich den Eindruck habe, sie hielten sich für „was Besseres“.

 

 hält sich für was Besseres

Und während ich so beginne, gedanklich in das Pendel des „der meint wohl, er wäre besonders toll“ einzuschwingen, steige ich auch schon wieder aus. Warum geht es eigentlich gar nicht voran, was dauert hier so lange? Leeeuuuuteee!!! Ganz vorne am Schalter sehe ich jetzt eine alte Frau mit braunem Fleece-Pulli mit weißen Rehkitzchen drauf. Moment, die war doch schon vor fünf Minuten dran. Ist die etwa immer noch am Schalter? Hallo? Ich habe keine Zeit, ich habe Mittagspause. Das ist ein Unterschied.

 

 Ich habe Mittagspause. Keine Zeit.

Ich sehe, dass der Herr am Schalter ihr in aller Ruhe die Weihnachts-Briefmarkenkollektion vorstellt (das Engelssortiment, die Tiere im Schnee, und ja, Janosch ist auch wieder mit dabei…). Die Dame schaut sich alles in Ruhe an, hält sie gegen das Licht, wägt ab und fragt den Herrn, welche er denn am schönsten fände. Ich fass es nicht. Das kann nicht ihr Ernst sein. Kann die nicht wann anders kommen, nicht gerade in der Mittagspause, wenn die Berufstätigen mal eben zur Post fahren wollen? Kann sie nicht am Nachmittag oder am Vormittag oder sonst wann? Hat die nichts Besseres zu tun, als in der Mittagspause hier den ganzen Betrieb aufzuhalten? Für wen hält die sich?
Die Falle schnappt zu.

 

Und ich? Was Besseres?

Ja, für wen hält sie sich und für wen halte ich mich eigentlich? Vielleicht hat sie tatsächlich nichts Besseres zu tun, als in der Mittagspause zur Post zu gehen. Und das, was ich jetzt „eigentlich“ machen würde? Ist das „was Besseres“? Ist meine Zeit mehr wert als ihre? Verdiene ich mehr Postschalter-Aufmerksamkeit als sie? Und ich werde ganz still. Advent. Ein Anfang.

 

 

 

Foto: Alex Hockett, www.unsplash.com

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