…ich bin neu hier. In dieser Stadt. Jahrelang habe ich in Städten gelebt, in denen ich camouflage-mäßig untertauchen konnte. Eine wie jede andere – normal eben. Normal? Jetzt bin ich hier. Und hier fällt jede*r auf, der*die nicht auffällt. Fantastisch finde ich das.

Während mich seit jeher eine große Angst vor der gemeinen Verbürgerlichung plagt und mir der Kauf der ersten Einbauküche inklusive Spülmaschine (!!!) damals schlaflose Nächte bereitet hat, bekomme ich hier täglich gespiegelt, dass das Spektrum der Nicht-Spießer*innen in Teilen dieser Stadt derart hoch auf der Skala anfängt, dass ich mich enorm anstrengen müsste, um nicht zu den 0-8-15ern zu gehören.

Wer hier einigermaßen gekämmte Haare hat, die Schnürsenkel der Schuhe tatsächlich benutzt, um diese zuzubinden, und keinen Grünkohl-Spinat-Rosenkohl-Rote-Beete-Avocado-Zitrone-Banane-Apfel-Birne-Smoothie zum Frühstück trinkt mit einem Hauch toskanischem Olivenöl, der ist….ja, was eigentlich? Irgendwie anders halt. Das Gute ist aber wiederum, hier fühlen sich alle so anders, dass anders zu sein, völlig okay ist. Normal eben.

Und das gilt auch für die Berufswahl beziehungsweise für die Tätigkeit, die man hier tags- oder nachtsüber ausübt und die dafür sorgt, dass man leben kann. Bilder malen zum Beispiel, oder Häuser ansprühen, oder einen veganen Imbiss haben, Barbier-sein, niedliche Lederhosen für 3-Jährige nähen, Musik machen (Mukke eben!), oder sowas halt. Aber mit einem Beruf kann man die Menschen hier so richtig schocken. Da erntet man so spontan geäußerte Laute und Fragen, die ganz tief aus der Magengrube kommen: Hä? Und was machste da? Sowas gibt’s? Glaub ich gar nicht? Und wer bezahlt das? Und machste das freiwillig? Und plötzlich ist man ganz da oben angekommen, auf der Skala der Profi-Individualist*innen. Man muss hier einfach nur sagen:
„Ich bin katholische Theologin.“

[Und wieder einmal freue ich mich über die Toleranz meiner Mitmenschen. Jeder darf sich hier ausprobieren. Je oller, desto doller!]

Foto: Braydon Anderson, www.unsplash.com