Normalerweise ist auf der Straßenkreuzung vor unserem Haus nicht viel los – in Sachen Autoverkehr zumindest. Aber neulich, da kam es anders:

Es war am frühen Abend, ich war gerade in der Küche, als ich unten auf der Straße Autos stark bremsen hörte. Als ich aus dem Fenster schaute, konnte ich die Situation so rekonstruieren, dass offensichtlich der eine Autofahrer dem anderen die Vorfahrt genommen hatte. Kann passieren, ist zum Glück alles gut gegangen. Dachte ich. Nichts da, derjenige, dem die Vorfahrt genommen wurde, stieg aus, öffnete die Tür des anderen Autofahrers und schrie ihn an. Immer wieder forderte er „Entschuldige Dich – Du entschuldigst Dich jetzt.“ Der andere sah das offenbar nicht so recht ein. Es dauerte nicht lange, da lief der „Schreier“ zurück zu seinem Auto. Ich dachte schon, jetzt sähe er ein, dass er hier nicht weiterkommt und fährt einfach seines Weges. Nix da. Er geht schnurstracks zu seinem Kofferraum, öffnet diesen und holt einen Schlagstock raus. Das Unheil nahm seinen Lauf. Wegen einer nicht beachteten Vorfahrtsregel, die nicht zu einem Unfall geführt hat.

Ich bin sprachlos. Warum, um Himmels willen, fährt jemand einen Schlagstock im Kofferraum spazieren? Allzeit bereit für den Einsatz desselben – auf einer Straßenkreuzung in einem Wohnviertel, unter dem Blick zahlreicher Fußgänger*innen, Familien mit kleinen Kindern, …. Und vermutlich auch an anderen Orten, zu anderen Zeiten.

Was geht in solchen Leuten vor? Mich alarmiert diese enorme Aggressionsbereitschaft. Ähnliches habe ich vor einigen Monaten in der Straßenbahn erlebt. Auch hier ging wegen einer absoluten Lappalie von Jugendlichen, zwischen diesen und einem älteren Mann ein lautstarker und extrem aggressiver Streit los.

Oder gestern: Da stand ich an einer roten Fußgängerampel. Vor mit ein junges Paar. Sie hatte etwas Interessantes an. Nein, eigentlich hatte sie etwas nicht an. Sie trug nämlich eine schwarze durchsichtige Strumpfhose mit den so angesagten obligatorischen Laufmaschen. Während man nun den Minirock dazu erwarten würde, entschied diese Person sich dazu, keinen Rock zu tragen. Hat sie vergessen, den Rock über der Strumpfhose zu tragen? Vermutlich nicht. Vermutlich wollte sie das so. Ich habe kein größeres Problem mit dem Modegeschmack der jungen Frau. Aber eines denke ich schon: Wer so rumläuft, möchte auffallen, möchte gesehen werden. Nun schaue ich diese Frau also etwas gedankenversunken – aber sicher etwas zu lange – an und philosophiere gedanklich noch darüber, wie das eigentlich finden soll oder wie ich mich von dem Gedanken löse, dieses überhaupt irgendwie finden zu müssen. Da höre ich, wie die junge Frau zu ihrem Partner sagt: „Ich schlag der gleich in die Fresse, wenn die weiterhin so dumm guckt.“
Ähh. Es hat zugegebenermaßen eine Weile gedauert, bis bei mir durchsickerte, dass genau ich mit „der“ gemeint war. Die Ampel wurde in diesem Moment zum Glück grün und ich konnte zügig auf die andere Straßenseite und auch in eine andere Richtung gehen. Dieser Vorfall dauerte maximal zwei Minuten und dennoch beschäftigt er mich nachhaltig.
Ich fühle mich unwohl, wenn ich spüre, dass es nur diesen einen Blick, dieses eine falsche Wort oder die falsche Körperbewegung bracht und schon eskalieren Alltagssituationen. Wie kann so viel negative Energie anderweitig kanalisiert werden, frage ich mich. Wie kann es gelingen, dass sie konstruktiv investiert wird?

Foto: Vasilios Muselimis
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