Schuld-Netzwerk

„Schuld ErTragen. Die Kirche und ihre Schuld“
(WiSe 2015–SoSe 2018), wissenschaftliches Netzwerk (DFG), Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main

Forscher*innen verschiedener Disziplinen haben sich in den letzten Jahren intensiv mit Fragen politischer Versöhnung und interpersonaler Vergebung beschäftigt und sind zum Ergebnis gelangt, dass Erinnerung und Aufarbeitung der Vergangenheit integrale Bestandteile jeder Vergebung bleiben müssen. Konsens unter Theolog*innen verschiedener Kirchen und Nationen sowie Politikwissenschaftler*innen, Philosoph*innen, Psycholog*innen, und Rechtswissenschaftler*innen ist, dass der Vergebung nicht durch Vergessen und Verdrängen gedient ist. Auch öffentliche Schuldbekenntnisse erweisen sich als ambivalent und fungieren nicht ohne Weiteres als Mittel der Überwindung von Schuld (Ent-Schuldung) – bei aller Unverzichtbarkeit nicht zuletzt als Zeichen der Würdigung der Opfer. Persönliche wie gesellschaftliche Versöhnung muss mit unvollständiger Vergebung und bleibender Schuld leben lernen. Aber was bedeutet das für die Täter*innen und schuldig Gewordenen, die langfristig mit der Scham ihrer Schuld leben müssen? Was heißt es für Betroffene, wenn Schuld nicht in einem Akt der Absolution entlastet und bereinigt werden kann? Wie entstehen eine „versöhnte Erinnerung“ und ein „gereinigtes Gedächtnis“, das die Erinnerung an die Untaten wachhält, ohne die Täter*innen zu stigmatisieren und aus der menschlichen Gemeinschaft auszugrenzen? Nach einer Phase der Aufmerksamkeit für die Opfer in Versöhnungsprozessen fragt die Forscher*innengruppe nach den Lebensmöglichkeiten mit bleibender Schuld – auch bei Täter*innen.

Kirchen sind in dieser Frage jedoch nicht nur relevant als möglicher Raum der im Credo vorausgesetzten Versöhnung. Sie sind gleichzeitig auch Subjekte der Sünde, Täterinnen bzw. in lebensverneinende Strukturen und Taten Verstrickte. Mit der theologischen Aufmerksamkeit auf die Erfahrung von bleibender Schuld gerät auch die Frage nach der „Sünde der Kirche(n)“ wieder ins Zentrum. Das zeigte sich im Prozess der Aufdeckungen der sexuellen Gewalttaten durch den katholischen Klerus. Die Sprachlosigkeit kirchlicher Vertreter sowie von Vertreter*innen akademischer Theologie macht(e) die fehlende „Schuld-“ und „Schamkompetenz“ deutlich. Ansätze zu einem zeitgemäßen Verständnis von Schuld und Sünde, einer sündigen Kirche, Umkehr, Vergebung und Wiedergutmachung liegen vor; ein Versuch, das relationale Geschehen von Reue – Bekenntnis – Wiedergutmachung systematisch zu reflektieren und zu deuten sowie auf aktuelle Kontexte kirchlicher Schuldverstrickung anzuwenden, fehlte lange Zeit.

Die Forschungsgruppe entwickelte neue, christlich-theologisch fundierte Paradigmen, die es Individuen und Täter*innenkollektiven erlauben, das Bewusstsein persönlicher und politischer Schuld anzunehmen und mit Würde zu er/tragen. Die Arbeitstreffen der drei Jahre langen Förderung bauten auf den klassischen Schritten des katholischen Bußsakraments auf. Dabei folgten die Workshops thematisch der Reihenfolge der Bußliturgie und diskutierten die Theorie und Praxis der jeweiligen Schritte:  Der herzlichen Reue [contritio], dem wahrheitsgetreuen Schuldbekenntnis [confessio] und der Wiedergutmachungsleistung [satisfactio]. Sie sichteten demnach den Umgang mit politischer und persönlicher Schuld kritisch und entwickelten ihn konstruktiv weiter. Am Ende wurde deutlich, wie eine eingeforderte Schulderinnerung aussehen kann, die Täter*innen nicht stigmatisiert, ausgegrenzt und erniedrigt, sondern befähigt, transparent mit Schuld zu leben und diese mit Würde in Gemeinschaft zu tragen.

Zusammensetzung der Arbeitsgruppe: (Stand der Angaben: 2015–2018)

Enxing, Julia, Dr. theol. Habil., Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt a. M. / Akademie St. JakobusHaus, Goslar, Deutschland (Antragstellerin)

Fazakas, Sándor, Dr. theol., Professor für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Sozialethik, Lehrstuhl für Sozialethik, Reformierte Theologische Universität Debrecen, Ungarn

Gautier, Dominik, M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand, Systematische Theologie, Institut für Evangelische Theologie, Universität Oldenburg, Deutschland

Jütte, Stephan, Dr. des. theol., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Systematische Theologie, Theologische Fakultät, Universität Bern, Schweiz [Mitglied 2015–2017]

Koslowski, Jutta, Dr. theol., Habilitationsprojekt an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz / Pfarrerin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Deutschland

Link-Wieczorek,  Ulrike, Dr. theol., Professorin für Systematische Theologie und

Religionspädagogik, Institut für Evangelische Theologie, Universität Oldenburg, Deutschland

Martin, Lisa, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin, Dogmatik und Fundamentaltheologie, Institut für katholische Theologie, Otto-Friedrich-Universität, Bamberg

Peetz, Katharina, Dr. theol., DFG-Projekt „Gelebte Theologie im Friedens- und Versöhnungsprozess Ruandas“,  Institut für Katholische Theologie, Universität des Saarlandes, Deutschland

von Kellenbach, Katharina, PhD, Professor of Religious Studies, St. Mary’s College of Maryland, USA

Wissenschaftliche Mitarbeiterin im DFG-Netzwerk:
Dorothea Wojtczak, Mag. theol., Doktorandin an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt a. M. / Referentin für Wissenschaft und Glaube an der KSHG Münster

Alle Informationen zum DFG-Forschungsnetzwerk „Schuld ErTragen. Die Kirche und ihre Schuld“ online unter:
http://www.sankt-georgen.de/forschung/dfg-forschungsnetzwerk-schuld-ertragen/

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