Schuld

„Schuld als Herausforderung für Theologie und Kirche“ (seit WiSe 2013/2014)

Kann denn Kirche schuldig sein? Darüber herrscht in der Theologie keine Einigkeit. Dass Gläubige, die Glieder der Kirche, Sünder*innen sind und Schuld auf sich laden, ist unumstritten. Doch kann Kirche auch als Subjekt schuldig werden? Täterin sein?

Den Bedarf eines neuen Verständnisses von Schuld und Sünde, das nicht nur der individuellen, sondern auch den strukturell-systemischen Dimensionen gerecht wird, haben relationale und feministische Theologien sowie die Befreiungstheologie bereits aufgezeigt. Auch unterstützt die bisherige Forschung zu diesem Thema die These, dass die Stilisierung und Überbetonung der Heiligkeit der Kirche zu einer Blindheit gegenüber der eigenen Sündigkeit und Schuldigkeit führen. Aus der fehlenden Kompetenz, diese Aspekte zu integrieren, folgt unweigerlich ein Ignorieren oder sogar aktives Leugnen der Schuld der Kirche. Nur so kann an der verhängnisvollen Idee und dem vormodernen Verständnis einer einzig heiligen Kirche festgehalten werden. Obwohl die Brisanz einer ekklesiologisch-hamartiologischen Neuorientierung bekannt ist, fehlen überzeugende ekklesiologische Ansätze, die die Frage nach der Kirche als kollektives Subjekt und die damit verbundene Näherbestimmung und Integration der Heiligkeit und Sündigkeit der Kirche klären.

Unter Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Theorien, die die Frage nach Kollektivsubjekten und systemischer Schuld beleuchten, arbeite ich an einem Verständnis von Schuld und Sünde, das nicht zu Entmutigung, Sprachlosigkeit und Unterdrückung führt, sondern vielmehr den relationalen und systemischen Dimensionen von Fehltaten gerecht wird, um so Wege für eine Anerkennung der Schuld und einen aktiven Umgang mit ihr zu ermöglichen. Es wird aufgezeigt, inwiefern das Verständnis einer sündigen Kirche (als Kollektivsubjekt) von der Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils und deren Verhältnisbestimmung von Heiligkeit und Sündigkeit der Kirche gestützt ist. Denn in den Konzilsdokumenten wird die Dialektik der Heiligkeit und Sündigkeit der Kirche anerkannt, obgleich es ihr, der Kirche, selbst fünfzig Jahre nach dem Konzil noch nicht gelungen ist, die gleichzeitige Existenz von beiden Eigenschaften in ihr Selbstverständnis zu integrieren. Praktische Relevanz erlangte dies zuletzt im Zusammenhang mit den sexuellen Gewalttaten durch Kleriker oder auch dem Finanzfiasko im Bistum Limburg – hier wurde die fehlende Kompetenz im Umgang mit kirchlichen Verfehlungen deutlich. Anhand konkreter Anwendungsfelder – insbesondere kirchlicher Schuldbekenntnisse und Vergebungsbitten – werden abschließend Schuldfähigkeit und Verantwortung der Kirche veranschaulicht und die Voraussetzungen für ekklesiale Umkehr (handlungspraktisch) präzisiert.

Thematische Arbeiten
Publikationen:

2019

  • „… und erlöse uns von dem Bösen“. Hoffnung auf Erlösung und ihre gesellschaftliche Relevanz. In: Satisfactio. Über (Un-)Möglichkeiten von Wiedergutmachung, herausgegeben mit Dominik Gautier. Beihefte zur Ökumenischen Rundschau 122, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2019.
  • Satisfactio. Über (Un-)Möglichkeiten von Wiedergutmachung, herausgegeben mit Dominik Gautier. Beihefte zur Ökumenischen Rundschau 122, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2019.

2018

  • Schuld und Sünde (in) der Kirche. Eine systematisch-theologische Untersuchung. Ostfildern: Grünewald 2018. [Habilitationsschrift]
  • Confessio. Schuld bekennen in Kirche und Öffentlichkeit, herausgegeben mit Jutta Koslowski. Beihefte zur Ökumenischen Rundschau 118, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

2017

  • Contritio. Annährungsversuche an Schuld, Scham und Reue, herausgegeben mit Katharina Peetz. Beiheifte zur Ökumenischen Rundschau 114, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2017.

2016

  • Sünde. Zur theologischen Relevanz eines strapazierten Deutungsbegriffs. Gemeinsam mit Stephan Jütte, in: Zeitschrift für Theologie und Kulturgeschichte 11 (2016), online unter: http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/tg/article/view/922/968.
  • Bernhard Knorn: Versöhnung und Kirche. Theologische Ansätze zur Realisierung des Friedens mit Gott in der Welt, Frankfurter Theologische Studien, Münster 2016, in: Theologische Literaturzei-tung 141/12 (2016) 1411–1413. (Rezension)

2015

  • Schuld. Theologische Erkundungen eines unbequemen Phänomens. Ostfildern: Grünewald, 22015. [Rezensiert von: Irene Leicht, in: Christ in der Gegenwart 21 (2015) 234; Tobias Braune-Krickau, in: zeitzeichen 9 (2015) 63–64; Wolfgang Baum, in: Theologische Revue 112/3 (2016) 228–229.]
  • Schuld zur Sprache bringen: Eine Betrachtung des Schuldbekenntnisses Johannes Pauls II. In: Schuld: Theologische Erkundungen eines unbequemen Phänomens, herausgegeben von Julia Enxing. Ostfildern: Grünewald, 22015, 211–233.
  • Schuld und Sünde in Marjorie Suchockis Werk The Fall to Violence. In: Verstrickt in Schuld, gefangen von Scham? Neue Perspektiven auf Sünde, Erlösung und Versöhnung, herausgegeben von Ulrike Link-Wieczorek. Neukirchen: Neukirchener Verlag 2015, 111–125.
  • Peter Fendel / Benedikt Kern / Michael Ramminger (Hg.): Tun wir nicht, als sei alles in Ord-nung! (EG 211) Ein politisch-theologischer Kommentar zu Evangelii Gaudium. Münster: Edition ITP- Kompass, Bd. 17, 2014. In: Stimmen der Zeit 9 (2015) 644–645. (Rezension)

2014

  • Kirche – Heilige oder Sünderin? Überlegungen zur Realität von Schuld und Sünde inmitten der Heilswirksamkeit Gottes, gemeinsam mit Ulrike Link-Wieczorek. In: Ökumenische Rundschau 63/2 (2014) 182–200.

2013

  • Anja Middelbeck-Varwick: ‚So lauert die Sünde vor der Tür‘ (Gen 4,17). Nachdenken über das Phänomen der Fehlbarkeit. Frankfurt: Peter Lang, 2011. In: Theologische Revue 109/6 (2013) 499–501. (Rezension)
  • Rainer Bucher: …wenn nichts bleibt, wie es war. Zur prekären Zukunft der katholischen Kirche. Würzburg: Echter, 2012. In: Theologische Revue 109/4 (2013) 337–339. (Rezension)

2012

  • Susan Shooter: How Survivors of Abuse Relate to God: The Authentic Spirituality of the Annihilated Soul. Farnham/Burlington: Ashgate, 2012. In: Theologische Revue 109/3 (2013) 248– 250. (Rezension)

Vorträge: 

 2018

  • „Die katholische Kirche – Heilige oder Sünderin? Über das Selbstverständnis der katholischen Kirche – ein Reality-Check“, Kathedralforum Dresden – Katholische Akademie des Bistums Dresden-Meißen (6.09.2018)

2017

  • Panel-Chair „Sinfulness and Satisfaction: Exploring the Limits of Forgiveness and Reconciliation in a Global Context“, Annual Conference of the American Academy of Religion, Bos-ton/USA (18.–21.11.2017)

2016

  • „Zerknirschung, Reue und Schuld (in) der katholischen Kirche – eine Auseinandersetzung anhand der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils“, „Contritio.“ 2. Workshop des DFG-Netzwerkes „Schuld ErTragen. Die Kirche und ihre Schuld“, Benediktinerabtei Pannon-halma/Martinsberg, Ungarn (10.–13.04.2016)

2014

  • „Schuld zur Sprache bringen. Eine Betrachtung des Schuldbekenntnisses Johannes Pauls II.“, Konferenz: „Schuld als Herausforderung für Theologie und Kirche“, Münster (30.05.–1.06.2014)
  • „Handling Guilt within a Christian Community: Religious Ethics on the Fine Line of Benevolence and Belittlement“, Konferenz: „Bounds of Ethics in a Globalized World“, Bangalore/India (6.–9.01.2014)

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